Die Geschichte eines Potsdamer Schuljungen
Der Sack mit Kaffeebohnen
Während der
Flucht vor der Front hatten meine Mutter, meine Schwester und ich immer
noch unseren Kopfkissenbezug voller rohen Kaffees. Dafür hatte ich für
meine Mutter in einen riesigen Güterwagen mit Lebensmitteln eines
militärischen Zuges klettern müssen, während wir immer noch auf der
anderen Seite der Elbe waren und uns durch das Chaos von Knappheit und
_berschuî von militärischer Versorgung kämpften. Säcke von Kaffee, Zucker
und Bohnen wurden dort gelagert. Der Kaffee sagte meiner Mutter zu.
„Jeder kann sich selbst nach Herzenswunsch bedienen“, rief ein deutscher Soldat unter einem Wagon hervor. „Jedenfalls wird sehr bald nicht mehr viel davon übrig sein.“ Er war beauftragt worden, den Güterwagen für die Sprengung vorzubereiten, die kurze Zeit später erfolgen sollte.
Kurze Zeit später wurde dieser ganze Güterzug mit all seinen guten Sachen und inmitten der herumwühlenden Masse von Leuten in die Luft gesprengt. Das Deutsche Militär hatte den Befehl ausgeführt, nichts in die Hände der Russen fallen zu lassen. Aber jetzt hatten wir unser Kopfkissen sicher über die Elbe gebracht, und es tat uns Gramm um Gramm, Pfund um Pfund, gute Dienste als Ersatzwährung. Wir versteckten ihn (den Kaffee), als ob er ein Kopfkissen wäre, direkt am Boden unseres Kinderwagens. Und meine Mutter zählte die Kaffeebohnen aus, wann immer sie etwas Eîbares im Tausch dafür bekommen konnte, einen Krug oder Milch von einem Bauern oder einfach nur einen Platz zum Schlafen für die nächste Nacht. So schnell wir konnten, verlieîen wir diesen Ort, wo der Schrecken des Krieges uns wieder voll eingeholt zu haben schien. Damals war es für die Leute schwer, sich rational zu verhalten, wie wir es, mehr als 50 Jahre später, für selbstverständlich halten. Der Instinkt alleine, die absolute Priorität zu überleben, die jeder in sich fühlt, diktierte das Verhalten. Und der Drang, die Freiheit zu erreichen, vom Krieg und all seinen grausamen Folgen wegzukommen. Deshalb brach meine Mutter in Richtung Süden auf, nach Weida
in Thüringen, ihre Heimatstadt, wo sie Sicherheit suchte und wo sie
fest daran glaubte, daî sie dort mit unseren Vater zusammentreffen würde.
_ber 300 km, fast 200 Meilen, lagen vor uns, zu Fuî, auf Landstraîen
in der versengenden Sonne; unsere noch übriggebliebenen Schätze an
Kleidung, Decken und Essen waren alle in einem groîrädrigen Kinderwagen
verstaut, den wir verlassen entlang des Weges gefunden hatten, und der uns
bis zum Ende unserer Wanderschaft durch das Deutschland von 1945
begleitete. Aber ich, Heinz Barthel, ein kleiner deutscher Junge im Alter von acht Jahren, muî mich immer (wieder) selbst fragen.... In welchem Dorf oder welcher Stadt werden wir die Nacht verbringen?
Und wenn die Erwachsenen sagten „Wenn es nicht das Eine ist, dann ist es das Andere?“ was bedeuteten diese düsteren Worte? Aber da war vor allem die Frage, was werden die Gewinner jetzt mit den Verlierern tun?
Heinz Barthel 17. August 1997 (_bersetzt von Annina u. Amelie, Jg.12, Anna-Essinger-Gymnasium Ulm, Germany) |
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